Regeln

Nur Wörter mit 2 oder mehr Zeichen werden akzeptiert.
Maximal 200 Zeichen insgesamt.
Leerzeichen werden zur Trennung von Worten verwendet, "" kann für die Suche nach ganzen Zeichenfolgen benutzt werden (keine Indexsuche).
UND, ODER und NICHT sind Suchoperatoren, die den standardmäßigen Operator überschreiben.
+/|/- entspricht UND, ODER und NICHT als Operatoren.
Alle Suchwörter werden zu Kleinschreibung konvertiert.

Die Szenografie der Wildnis. Immersive Techniken in zoologischen Parks im 20. Jahrhundert

Dissertation am Kunsthistorischen Institut der Ruhr-Universität Bochum, 2018

bei Prof. Dr. Dietrich Erben

Die Publikation erscheint im Herbst 2019 im Neofelis Verlag, Berlin

Zoo sind Orte, an denen Menschen außereuropäische Wildtiere betrachten können. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts werden Zootiere in Landschaftsszenarien ausgestellt, die die Besucher*innen imaginär in die Herkunftsregionen der Tiere versetzen sollen. Das Zoopublikum kann seither Kunstfelsen gemeinsam mit Himalaya-Schafen erklimmen oder Zebras in der afrikanischen Savanne beobachten. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts verändern sich die Gestaltungsvorlieben für Käfige und Gehege abhängig von der zeitgenössischen biologischen Forschung, von der Ausstellungsdidaktik, den wechselnden Architekturstilen, aber auch von politischen Ideologien. Räume entstehen, die sowohl auf die Vorstellungswelten von Besucher*innen als auch auf die Bedürfnisse verschiedener Tierarten ausgerichtet sind. Diesen komplexen Raumgestaltungen widmet sich die kunsthistorische Dissertation.

Analysiert wird, wie architektonische Räume im Zoo konstruiert und dabei die psychologischen und physischen Grenzen zwischen tierlichem Raum und Betrachterraum minimiert werden. Die wirkungsästhetische Kategorie der „Immersion“, des Eintauchens in eine andere, fremde Welt, dient als Leitfaden der Analyse von vier Fallbeispielen in Deutschland, der Schweiz, den USA und den Niederlanden. Unter diesem Begriff wird der Frage nachgegangen, welche Vorbilder für die Zoolandschaft, im Sinne einer vollständig konstruierten, authentisch erscheinenden Umwelt, prägend sind. Vorbilder für die inszenierte Natur im Zoo sind in Bildmedien wie Malerei, Film oder Fotografie zu finden. Ebenso dienen der Landschaftsgarten sowie kommerzielle und museale Ausstellungen zur Orientierung. Über die Verhaltensforschung lassen sich schließlich auch deutliche Bezüge zu den sozialen Planungen von urbanen Infrastrukturen oder menschlichen Wohnbauten finden.

Mit dieser Analyse wird erstmals Zooarchitektur im 20. Jahrhundert systematisch untersucht und, über die Baudokumentation hinausgehend, eine theoretische Einordnung der exemplarisch vorgestellten Gebäude und Landschaften betrieben. Hierdurch wird eine Forschungslücke geschlossen: Für die Architekturgeschichte wird eine Bauaufgabe in ihrem interdisziplinären Kontext aufgearbeitet. Darüber hinaus werden auf theoretischer Ebene die Themen der Prozessualität und Flexibilität von Architektur aufgerufen und für weitere Forschungen, beispielsweise im Bereich der Science, Technology and Society Studies, anschlussfähig.

Für die historische und kulturwissenschaftliche Forschung zum Zoo erschließt die kunsthistorische Analyse visuelle Quellen wie Fotografien und Pläne sowie den Baubestand. Neben erstmals veröffentlichten Bildquellen aus Zoo- und Stadtarchiven dokumentieren auch eigene Fotografien der Autorin den Baubestand, Blickachsen und Wegführungen. Insbesondere im Kontext der Animal Studies helfen die Analysen realer Bauten, Vorurteile gegenüber Gebäuden und Funktionsweisen von Zoos zu korrigieren, indem gezeigt wird, dass die Bauten und die mit ihnen verbundenen Handlungen sehr heterogen und sozialhistorisch abhängig sind.

Die Doktorarbeit gliedert sich in fünf Kapitel: In der ausführlichen Einleitung wird eine Definition des Zoos vorgenommen, insbesondere in Hinblick auf seine baulichen Eigenschaften, aber auch im kulturhistorischen Kontext. Im Anschluss werden in vier Kapiteln die ausgewählten Fallbeispiele vorgestellt. Diese Beispiele geben einen chronologischen Überblick über verschiedene topologische Modelle von Zooplanungen im 20. Jahrhundert. Gleichzeitig werden in den Fall- und Vergleichsbeispielen verschiedene geografische Regionen behandelt, so dass unter anderem der transatlantische Ideentransfer beleuchtet werden kann.

Als erstes Beispiel wird „Hagenbeck`s Tierpark“ in Hamburg analysiert, der mit seinen gitterlosen „Panoramen“ bereits einen gewichtigen Platz in der Zoogeschichtsschreibung eingenommen hat. Der Analysezeitraum reicht von der Patentierung von Carl Hagenbecks neu erfundenem Zookonzept im Jahr 1896 über die Eröffnung seines Tierparks 1907 bis zur weltweiten Rezeption der Anlagen zwischen 1914 und 1945. Über die erstmalige Analyse von Bildquellen und Architekturplänen sowie deren Kontextualisierung mit Hamburger Gärten und zeitgenössischen Freizeiteinrichtungen gelingt es, neue Einflussfaktoren auf die Gestaltung zu erschließen.

Das Wirken des Schweizer Biologen und Zoodirektors Heini Hedigers wird anhand der Bauaktivitäten in den Zoos von Basel und Zürich im zweiten Kapitel vorgestellt. Der von Hediger geprägte, verhaltensbiologische Begriff des „Territoriums“ wird als Leitidee seiner Zooplanungen nachverfolgt. Über das topologische Raumverständnis des „Territorium“ wird die Gefangenschaft der Zootiere relativiert, da Hediger die Raumqualität höher bewertet als die Käfiggröße. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Architekten versucht Hediger zwischen 1949 und 1970 seine Theorien zur Zootierhaltung in Gesamtanlagen in Zürich und Basel, in Tierhäusern und Gehegen zu realisieren. Diese unterliegen wiederum unterschiedlichen stilistischen, verhaltenspsychologischen und politischen Ideen und Einflussfaktoren.

Im dritten Kapitel werden US-amerikanische Planungen analysiert, die methodisch und ideell aus der amerikanischen Umweltbewegung hervorgehen. Unter dem Begriff „Landscape Immersion“ wird im Woodland Park Zoo von Seattle/Washington ab 1976 ein neuer Masterplan durch das Landschaftsarchitekturbüro Jones & Jones entwickelt. Die komplexe Planung entsteht im Kontext technischer, computerbasierter Planungspraktiken und wird mit phänomenologisch ausgerichteter Landschaftsgestaltung, basierend auf Spaziergängen oder Lyrik kombiniert. Von Seiten der Biologie nimmt die Feldforschung Einfluss auf eine verhaltensorientierte Gehegegestaltung.

Die Versuche, ganze Biosysteme einschließlich ihres Klimas zu simulieren, werden anhand der Biosystemhallen des Burgers` Zoo im niederländischen Arnheim untersucht. In den Tropenhallen rückt die Pflanze in den Mittelpunkt der Betrachtung. Die Grenze befindet sich nicht mehr zwischen Tier und Betrachter, sondern wird nach Außen auf die Gebäudehülle verlagert. Die Innenausstattung der Hallen wird durch experimentelles Vorgehen bestimmt. Landschaftsarchitekten und Botaniker übernehmen die führende Rolle, während die Architekten durch Ingenieure ersetzt werden. Die Entwicklung der Biosystemhallen geht mit Architekturutopien wie Richard Buckminster Fullers geodätischen Kuppelbauten einher. Die maximale Kontrolle über das Klima ermöglicht eine nahezu autarke Entwicklung von Biosystemen im Innenraum.

Insgesamt zeigt sich in der Untersuchung zur Entwicklung von Zoogestaltungen im 20. Jahrhundert, dass neue Erkenntnisse in der Veterinärmedizin und in der Verhaltensforschung durchaus Fortschritte in der Tierhaltung bewirken. Jedoch ist die konkrete Gestaltung der Zoos oder ihrer einzelnen Gehegekomplexe stark von den jeweiligen ästhetischen und ideologischen Präferenzen abhängig. Konkurrierende Interessengruppen und fehlende Finanzierungen sorgen zudem dafür, dass im Zoo die zugrunde liegenden Konzepte zum Mensch-Tier-Verhältnis nicht in idealer Weise manifestiert werden. Stattdessen beruht das Erscheinungsbild von Zoos auf Kompromissen zwischen Biologie und Marketing, Finanzierungsmodellen und politischen Interessen. Darüber hinaus bestimmen zufällige Entdeckungen, personelle Konstellationen oder die individuellen Reiseerfahrungen der Planungsverantwortlichen die Gestalt der Gehege.

Fertig gestellte Gebäude unterliegen zudem einem hohen Veränderungsdruck, insofern sich biologische Erkenntnisse oder programmatische Zielsetzungen wie beispielsweise die Richtlinien für Tier- und Artenschutz wandeln. Die kollektiven Bilder einer „wilden Natur“ und damit die Erwartungshaltung des Publikums wechseln ebenso in Abhängigkeit von Bildmedien oder der Marketingkampagnen von Freizeit- und Tourismusindustrie.

Methodisch eignet sich die kunsthistorische Analyse für einen Nachvollzug, wie die visuellen Komponenten und die räumlichen Relationen von Zoos komponiert werden. Hierdurch können teils enorme Diskrepanzen zwischen programmatischen Texten und realisierten Gebäuden aufgedeckt werden. Die Vorgehensweise zur Untersuchung der komplexen, manchmal zufälligen Entscheidungen lässt sich darüber hinaus auf andere langfristig und interdisziplinär angelegte Planungs- und Bauprojekte anwenden. Parallelen zu Städtebau, Wohnungsbau und Krankenhausarchitektur können aufgedeckt werden, die für weitere Studien anschlussfähig sind.

Für die Animal Studies leistet die kunsthistorische Analyse Grundlagenforschung, um den „Zoo“ und den „Käfig“ differenziert in seiner materiellen Realität und seinem architekturhistorischen Kontext zu betrachten. Die Publikation dient schließlich auch als theoretische Orientierung über die verschiedenen, historisch gewachsenen Modelle von Planungs- und Gestaltungspraktiken von Zoos. Hiermit werden auch die Praktiker*innen zur Reflexion aktueller Entwürfe und Planungsentscheidungen angeregt, ohne dass die Analyse normative Vorgaben aufstellt.   

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden.
Weitere Informationen entnehmen Sie unserer Datenschutzerklärung.