Die Szenografie der Wildnis. Immersive Techniken in zoologischen Parks im 20. Jahrhundert

Dissertationsvorhaben am Kunsthistorischen Institut der Ruhr-Universität Bochum bei Prof. Dr. Dietrich Erben (TU München) und Richard Hoppe-Sailer (Ruhr-Universität Bochum)

Abstract

Die Bauaufgabe des zoologischen Gartens konfrontiert ihre Planungsverantwortlichen mit dem Konflikt, Menschen wie auch Wildtiere als Nutzer zu bedienen und über die Gehegeausstattung und Raumdisposition Beziehungen der Besucher zu den Wildtieren herzustellen. Naturwissenschaftliche Forschungen müssen berücksichtigt werden, um für die Tiere einen angemessenen Lebensraum zu gestalten. Ebenso ist den Unterhaltungs-, Erholungs- und Bildungsbedürfnissen des menschlichen Publikums Rechnung zu tragen. Die Entwürfe für Tiergehege werden zwar naturwissenschaftlich legitimiert, doch nur selten werden die bewusst konstruierten Umgebungen als experimentale Orte intensiv für die Forschung genutzt. Unter ökonomischem und legitimatorischem Druck fungieren sie als niedrigschwellige Ausstellungsräume in bildungsbürgerlicher Tradition des 19. Jahrhunderts. Diese dominante kulturelle Funktion steht im Kontrast zum experimentellen Potential der Parkanlagen.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist festzustellen, dass die funktional notwendige Architektur aus dem Erfahrungsfeld der Besucher ausgeblendet und stattdessen der Fokus auf die landschaftsarchitektonische Gestaltung der Parkanlagen und insbesondere der Tiergehege gelegt wird. Ökologie und Verhaltensforschung beeinflussen die Raumkonzeptionen der Planer, ebenso wie die Rezeption über Massenmedien publizierte Bilder, die dem Publikum vermeintlich wilde Landschaften vermitteln. Daher versuchen die Planer, sich an der natürlichen Umwelt der Tiere zu orientieren. Die zeitgenössisch variierenden Interpretationen dieser originären Tierhabitate der Tiere werden in ihrer Transformation zum Ausstellungs- und Gehegeareal sichtbar. Abhängig vom Gestaltungskonzept sind die Diskrepanzen zwischen einer naturillusionistischen Gestaltung im Publikumsbereich und funktional orientierter Stallung oftmals hoch. Anhand der vielschichtigen Konstituierungsbedingungen der öffentlich sichtbaren Anlagen als räumlich umgesetzte, kollektiv authentifizierte Bilder lassen sich anhand des Zoos Raumkonzepte diskutieren, die sowohl ästhetischen wie auch verhaltenswissenschaftlich funktionalen Konzepten unterliegen.

Im Rahmen des Dissertationsprojektes werden daher die Phänomene der sogenannten naturnahen Zoogestaltung anhand konkreter Fallbeispiele untersucht, um die sozial- und wissenschaftshistorisch abhängige Entwicklung von Hochbau und Landschaftsarchitektur im Zoo nachzuvollziehen. Ausgehend vom erhaltenen Baubestand, Plänen, Schriftdokumenten, Skizzen und Fotografien werden fünf Anlagen exemplarisch analysiert und mit weiteren zeitgenössischen Zoos sowie Vergleichsbeispielen verwandter Bauaufgaben wie Parkanlagen, botanischen Gärten, naturhistorischen Museen, Freizeitparks aber auch Wohnbauten verglichen. Die Zonierung der Gesamtanlagen nach geographischen, taxonomischen oder bioklimatischen Kriterien, die Infrastruktur und Wegführung wie auch ihre Abgrenzung zur umgebenden Stadt sind Gegenstand der Analyse sowie die individuellen Rezeptionsmöglichkeiten, die sich anhand der Gehegekomposition, Blickachsen und der motivischen Thematisierung durch Tierarten, Bepflanzung, Geländemodellation und Kulissenarchitektur ableiten lassen. Die für Zoogehege relevanten Umweltkonzepte werden ausgehend von Publikationen der Zoomitarbeiter und ihrem wissenschaftshistorischen Umfeld eruiert und mit den umgesetzten Tiergehegen und ihren Leitbildern abgeglichen. Hieraus ergeben sich einerseits Rückschlüsse auf vorliegende, ästhetisch wie ökologisch begründete Raumkonzepte als funktionale Tierhabitate, andererseits auch auf die Repräsentation idealisierter Umweltkonzepte für das Publikum.

Als Fallbeispiele wurden folgende Zoos ausgewählt, um spezifische zeitlich abhängige Naturrepräsentationen zu diskutieren und ebenso Vergleiche zwischen den Entwicklungen in ausgewählten europäischen Ländern und den USA vorzunehmen: Hagenbeck's Tierpark, eröffnet 1907, zeigt mit seinen „Panoramen“ paradiesisch anmutende Landschaftsbilder, in denen Hochbauten unter Kunstfelsen verschwinden, und bildet den Ausgangspunkt, Zoos geographisch zu ordnen. Die Tiergehege des Züricher Zoos in den 1950er und 1960er Jahren werden von ihrem Direktor, dem Begründer der Tiergartenbiologie Heini Hediger, als abstrakte Konstruktionen des „Territoriums“ charakterisiert. Zeitgleich zielt die Landschaftsarchitektur des Basler Zoos auf eine phänomenologisch ausgerichtete Dramaturgie für die Besucher_innen ab. Mit dem Konzept der „Landscape Immersion“ stehen die biosystematisch orientierten Anlagen des Woodland Park Zoos in Seattle im Kontext der US-amerikanischen Umweltbewegung der 1970er Jahre. Schließlich wird mit den Klimahallen des Burgers‘ Zoos im niederländischen Arnheim zum Ende der 1980er Jahre die Grenze zwischen Tiergehege und Betrachterraum aufgehoben.

Mit dem kunsthistorischen Dissertationsprojekt werden zoologische Gärten im 20. Jahrhundert durch analoge landschaftsarchitektonische und architektonische Phänomenen historisch kontextualisiert, wodurch mit der vergleichende Analyse des Quellenmaterials einem Forschungsdesiderat entsprochen wird. Über stilistische Zuordnungen hinausgehend lässt der Beobachtungsmodus der Longue durée Rückschlüsse auf veränderte Planungsbedingungen und -methoden zu. Anhand der räumlichen Relationen zwischen Betrachter_innen und Tieren, insbesondere den Umgang mit Grenzen, lassen sich Aussagen über die sozialhistorisch abhängigen Beziehungen des Menschen zum Tier beziehungsweise zu verschiedenen Naturvorstellungen treffen, wodurch der Zoo auch als Gegenstand für architektursoziologisch orientierte Untersuchungen relevant wird. Mit dieser methodisch erweiterten architekturhistorischen Analyse werden schließlich Herausforderungen an die Zooplaner_innen sichtbar, Lösungsansätze zu entwickeln, die der Komplexität der Bauaufgabe, insbesondere ihrer praktisch begründeten Kontingenz entsprechen und über das vordergründige Erscheinungsbild der Zoos als kolonial geprägte Unterhaltungseinrichtungen hinausgehen. 

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